Autor: Rainer Knoob verfügt über jahrzehntelange Expertise in der Betriebsratsarbeit und der betrieblichen Mitbestimmung. Überregional bekannt geworden ist er durch sein langjähriges Engagement in der betrieblichen Arbeitnehmervertretung und als gewerkschaftsunabhängiger Betriebsrat am Standort Hamburg der Airbus Group. Seit Juli 2007 amtiert Rainer Knoob ununterbrochen als Vorsitzender der unabhängigen Arbeitnehmervertretung AUB.

Tarifverträge sollen in der Arbeitswelt für Klarheit und Fairness sorgen. Sie sind das Ergebnis von Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden oder einzelnen Arbeitgebern. Doch warum gibt es verschiedene Arten von Tarifverträgen, und was beinhalten diese genau? In diesem Artikel werden wir Ihnen die verschiedenen Tarifvertragsarten einfach und verständlich erklären.

Wie Tarifverträge insgesamt zu bewerten sind, lesen Sie ergänzend im Beitrag Tarifvertrag: Vor- und Nachteile für Arbeitnehmer.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Tarifvertrag ist eine schriftliche Vereinbarung zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeber oder Arbeitgeberverband über Löhne und Arbeitsbedingungen. Es gibt ihn in mehreren Varianten.
  • Die wichtigsten Arten sind Flächen-, Mantel-, Entgelt-, Firmen- und Änderungstarifvertrag sowie branchenspezifische Verträge. Jede Form deckt andere Regelungsbereiche ab.
  • Die Tarifbindung sinkt: 2024 galt nur noch für rund 49 Prozent der Beschäftigten ein Tarifvertrag, gegenüber rund 68 Prozent im Jahr 2000. Die AUB plädiert für eine modernere Tarifpolitik.

Inhaltsverzeichnis:

  1. Was ist ein Tarifvertrag?
  2. Warum gibt es verschiedene Tarifvertragsarten?
  3. Welche Tarifvertragsarten werden unterschieden?
  4. Welche Bedeutung haben die Tarifvertragsarten?
  5. Fazit: Übersicht zu Tarifvertragsarten
  6. Häufige Fragen

Was ist ein Tarifvertrag?

Ein Tarifvertrag ist eine schriftliche Vereinbarung zwischen einer Gewerkschaft und einem Arbeitgeber oder Arbeitgeberverband, die die Arbeitsbedingungen und Löhne regelt. Tarifverträge sollen auf diese Weise klare Bedingungen im Arbeitsverhältnis schaffen und die soziale Gerechtigkeit am Arbeitsplatz fördern.

Allerdings stehen Tarifverträge heute auch teilweise wegen ihrer Komplexität sowie der Intransparenz und der Benachteiligung von Nicht-Gewerkschaftsmitgliedern in der Kritik – das gilt umso mehr, da die klare Mehrheit der Arbeitnehmer (rund 83 Prozent) in Deutschland gar nicht Mitglied einer Gewerkschaft ist. Mit dieser Thematik setzen wir uns im Beitrag Was sind Tarifverträge? Fakten und Hintergründe auseinander.

Tarifverträge können auf Branchenebene oder für ein einzelnes Unternehmen abgeschlossen werden. Insbesondere enthalten sie Regelungen zu Arbeitszeit, Vergütung, Urlaub, Sonderzahlungen wie Weihnachts- oder Urlaubsgeld, Arbeitsbedingungen, Weiterbildung, Kündigungsschutz und vielem mehr. Dabei gibt es heute eine Vielzahl von Tarifvertragsarten. Im Folgenden finden Sie eine Übersicht dazu.

Warum gibt es verschiedene Tarifvertragsarten?

Weil Branchen und Unternehmen unterschiedliche Anforderungen haben; verschiedene Vertragsarten erlauben passgenaue Regelungen statt einer Einheitslösung.

Die Arbeitswelt ist vielfältig – und das gilt ebenso für die Bedürfnisse von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. „Unterschiedliche Branchen und Unternehmen stehen vor verschiedenen Herausforderungen und Anforderungen, die eine flexible Gestaltung der Arbeitsbedingungen erfordern. Um diesen unterschiedlichen Anforderungen gerecht zu werden, sind verschiedene Arten von Tarifverträgen entstanden“, erläutert Ingrid Brand-Hückstädt, Fachanwältin für Arbeitsrecht.

Die rechtlichen Grundlagen dafür schafft das Tarifvertragsgesetz, das im Jahr 2019 sein 70-jähriges Bestehen feiern konnte. Das Institut der Deutschen Wirtschaft hatte zum Jubiläum eine detaillierte Analyse und Beschreibung des Status quo vorgenommen. Heute gibt es eine Vielzahl an Tarifvertragsarten. Sie ermöglichen es, spezifische Vereinbarungen zu treffen, die auf die Besonderheiten einer Branche oder eines Unternehmens zugeschnitten sind. Wie solche Vereinbarungen zustande kommen, zeigen wir im Beitrag Ablauf von Tarifverhandlungen.

Welche Tarifvertragsarten werden unterschieden?

Unterschieden werden vor allem Flächen-, Mantel-, Entgelt-, Firmen- und Änderungstarifvertrag sowie branchenspezifische Verträge.

Gerne geben wir Ihnen eine Übersicht zu den verschiedenen Tarifvertragsarten, ihren Zielen und ihren jeweiligen Vorteilen.

Flächentarifvertrag

Der Flächentarifvertrag ist die am weitesten verbreitete Form des Tarifvertrags in Deutschland. Er wird zwischen einer Gewerkschaft und einem Arbeitgeberverband abgeschlossen und gilt für alle Unternehmen der Branche, die dem Arbeitgeberverband angehören. Der Flächentarifvertrag regelt insbesondere einheitliche Standards für Löhne, Arbeitszeiten und andere Arbeitsbedingungen in einer gesamten Branche oder Region.

Manteltarifvertrag

Der Manteltarifvertrag regelt grundlegende Arbeitsbedingungen, die über einen längeren Zeitraum Bestand haben sollen, wie Arbeitszeiten, Urlaubsanspruch, Kündigungsfristen und Zuschläge für Überstunden oder Schichtarbeit. Manteltarifverträge werden oft ergänzt durch Entgelttarifverträge, die die Höhe der Löhne und Gehälter festlegen.

Entgelttarifvertrag

Der Entgelttarifvertrag konzentriert sich auf die Vergütung der Arbeitnehmer. Er legt die Höhe der Löhne und Gehälter fest und kann Regelungen zu Sonderzahlungen, Zulagen und Zuschlägen enthalten. Entgelttarifverträge werden in der Regel für einen kürzeren Zeitraum abgeschlossen als Manteltarifverträge und regelmäßig neu verhandelt, um auf wirtschaftliche Veränderungen reagieren zu können.

Firmentarifvertrag

Der Firmentarifvertrag, oft auch Haustarifvertrag genannt, wird direkt zwischen einem einzelnen Unternehmen und der Gewerkschaft ausgehandelt. Er ist maßgeschneidert auf die spezifischen Bedingungen und Bedürfnisse des Unternehmens und seiner Beschäftigten. Firmentarifverträge können ergänzend zu einem Flächentarifvertrag existieren oder als eigenständige Vereinbarung fungieren, wenn das Unternehmen nicht Mitglied eines Arbeitgeberverbands ist.

Änderungstarifvertrag

Ein Änderungstarifvertrag dient der Modifikation bestehender Tarifverträge. Er wird abgeschlossen, wenn sich Rahmenbedingungen verändert haben oder Anpassungen an vorherigen Vereinbarungen notwendig sind, ohne einen komplett neuen Tarifvertrag aushandeln und verabschieden zu müssen.

Branchenspezifische Tarifverträge

Neben diesen übergeordneten Kategorien sind auch branchenspezifische Tarifverträge zu nennen, die auf die besonderen Bedürfnisse und Anforderungen bestimmter Wirtschaftszweige zugeschnitten sind. Beispiele hierfür sind der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, der besondere Regelungen für Mitarbeiter im staatlichen Sektor festlegt, oder Tarifverträge für die Metall- und Elektroindustrie, die oft als Vorreiter für andere Branchen gelten.

Diese spezifischen Tarifverträge ermöglichen es, auf die jeweiligen Herausforderungen und Dynamiken einer Branche einzugehen. Sie können etwa besondere Arbeitszeitmodelle, zusätzliche Sicherheitsvorschriften oder spezielle Weiterbildungsmaßnahmen umfassen, die in anderen Sektoren weniger relevant sind.

Welche Bedeutung haben die Tarifvertragsarten?

Die verschiedenen Tarifvertragsarten schaffen faire, vergleichbare Arbeitsbedingungen und sollen den sozialen Frieden fördern. Allerdings ist dabei zu kritisieren, dass das Instrument zunehmend zur Benachteiligung Unorganisierter genutzt wird.

Tarifverträge spielen eine zentrale Rolle in der Gestaltung der Arbeitswelt. Durch die Festlegung klarer Regeln und Standards sollen Tarifverträge zur Transparenz beitragen. Allerdings ist zu beobachten, dass Gewerkschaften dieses Mittel zunehmend verwenden, um Betriebsräte in ihrer Arbeit zu benachteiligen oder Nicht-Gewerkschaftsmitglieder komplett auszubooten.

Kritik an der Praxis bei Tarifverträgen

„Als unabhängige Arbeitnehmervertretung AUB stellen wir uns nicht grundsätzlich gegen Tarifverträge. Ganz im Gegenteil: Sie sind seit langen Jahrzehnten bewährt und erfüllen eine wichtige Funktion“, sagt Dirk Schaper, Vorstandsmitglied der AUB: „Allerdings bewerten wir die Bevorzugung von Gewerkschaftsmitgliedern als zunehmend kritisch und fragwürdig.“ Zudem hätten die Gewerkschaften zu einem Dschungel an Vereinbarungen beigetragen, der oft kaum noch zu durchschauen sei.

Dirk Schaper betont weiter: „Notwendige Tabellenerhöhungen wurden in den vergangenen Jahren zu oft durch Sondervereinbarungen ersetzt. Das geht zu Lasten von nicht gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmern und schwächt somit die Solidarität und den sozialen Frieden in den Unternehmen! Deshalb wünschen wir uns in dieser Hinsicht eine modernere Tarifvertragspolitik aller Beteiligten “ Welche Regeln dabei im Arbeitskampf gelten, ordnen wir im Beitrag Streikrecht in Deutschland ein.

Fazit: Übersicht zu Tarifvertragsarten

Tarifverträge sind ein wesentliches Instrument zur Sicherstellung fairer und gerechter Arbeitsbedingungen. Die verschiedenen Tarifvertragsarten ermöglichen es, auf die spezifischen Bedürfnisse unterschiedlicher Branchen und Unternehmen einzugehen. Trotz ihrer Bedeutung stehen Tarifverträge vor verschiedenen Herausforderungen.

Die Veränderungen in der Arbeitswelt, wie die zunehmende Digitalisierung und der Wandel zu flexibleren Arbeitsformen, erfordern eine kontinuierliche Anpassung und Weiterentwicklung der Tarifvertragslandschaft. Zudem ist die Tarifbindung in einigen Branchen und Regionen seit Jahren stark rückläufig. . Das belegen aktuelle Zahlen: 2024 galt nur noch für rund 49 Prozent der Beschäftigten in Deutschland ein Tarifvertrag, gegenüber rund 68 Prozent im Jahr 2000 (Quelle: Statistisches Bundesamt). Umso notwendiger ist es aus Sicht der AUB, das Instrument der Tarifverträge weiterzuentwickeln und besser an die heutigen Zeiten anzupassen. Wenn dies gelingt, können Tarifverträge auch in Zukunft eine entscheidende Rolle bei der Förderung sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Stabilität einnehmen.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Flächen- und Firmentarifvertrag?

Ein Flächentarifvertrag gilt für eine ganze Branche oder Region und wird zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeberverband geschlossen. Ein Firmen- oder Haustarifvertrag wird dagegen direkt mit einem einzelnen Unternehmen vereinbart und ist auf dessen Bedingungen zugeschnitten. Beide Formen können nebeneinander bestehen.

Was regelt ein Manteltarifvertrag?

Der Manteltarifvertrag regelt grundlegende, langfristige Arbeitsbedingungen wie Arbeitszeiten, Urlaubsanspruch, Kündigungsfristen sowie Zuschläge für Überstunden oder Schichtarbeit. Die konkrete Höhe der Löhne und Gehälter steht dagegen meist im ergänzenden Entgelttarifvertrag, der häufiger neu verhandelt wird.

Gilt ein Tarifvertrag auch für Nicht-Gewerkschaftsmitglieder?

Rechtlich bindet ein Tarifvertrag zunächst die Tarifparteien und ihre Mitglieder. In der Praxis wenden viele Arbeitgeber die Bedingungen auf die gesamte Belegschaft an, häufig über den Arbeitsvertrag. Kritisch sieht die AUB, wenn Vorteile gezielt nur Gewerkschaftsmitgliedern vorbehalten werden.

Wie viele Beschäftigte arbeiten noch mit Tarifvertrag?

2024 galt für rund 49 Prozent der Beschäftigten in Deutschland ein Tarifvertrag, im Jahr 2000 waren es noch etwa 68 Prozent. Die Tarifbindung ist also langfristig deutlich gesunken, mit großen Unterschieden zwischen den Branchen sowie zwischen West- und Ostdeutschland (Quelle: Destatis).

Was ist ein Änderungstarifvertrag?

Ein Änderungstarifvertrag passt einen bestehenden Tarifvertrag an, wenn sich Rahmenbedingungen geändert haben. So lassen sich einzelne Punkte anpassen, ohne einen komplett neuen Vertrag aushandeln zu müssen. Das spart Zeit und sorgt für Kontinuität bei den übrigen, weiterhin gültigen Regelungen.

Sind Sie schon
überzeugt?
Online Mitgliedsantrag
Sie wollen mehr
wissen?
AUB Ansprechpartner